Teil 1 der Serie: Hygiene und Plastik: Was ist notwendig – und was ist Gewohnheit?
Teil 1: Hygiene und Plastik – ein Missverständnis
Teil 2: Mikroplastik und Gesundheit – was wir heute wissen
Teil 3: Plastikreduktion im Alltag trotz Hygiene
Plastik gilt heute oft als Synonym für Hygiene. Einwegverpackungen, Handschuhe, eingeschweisste Produkte oder sterile Kunststoffbehälter vermitteln Sicherheit und Sauberkeit. Besonders seit der COVID-19-Pandemie hat sich dieses Bild weiter verstärkt.
Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich: Hygienevorschriften verlangen in den meisten Fällen kein bestimmtes Material – sondern saubere, kontrollierte und sichere Prozesse. Plastik ist dafür eine mögliche Lösung, aber nicht immer die einzige.
Dieser erste Teil unserer Serie beleuchtet, woher die enge Verbindung zwischen Plastik und Hygiene stammt – und wo sie stärker auf Gewohnheit als auf tatsächlicher Notwendigkeit beruht.
Was Hygiene wirklich bedeutet
Hygiene beschreibt Massnahmen zur Vermeidung von Krankheiten und zur Kontrolle von Keimen. Entscheidend sind dabei Reinigung, Desinfektion und Sterilisation – nicht das Material selbst.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) betont, dass Hygiene vor allem auf korrekten Verfahren basiert, wie Händewaschen, Sterilisationsprozessen und sicheren Aufbewahrungssystemen. Einwegprodukte können dabei hilfreich sein, sind aber nicht grundsätzlich erforderlich, wenn sichere Mehrwegsysteme vorhanden sind.
Auch das Schweizer Bundesamt für Gesundheit (BAG) definiert Hygiene über Prozesse und Standards – nicht über die zwingende Verwendung von Kunststoffprodukten.
Quellen:
WHO – Hygiene Guidelines; Bundesamt für Gesundheit (BAG) – Hygiene und Infektionsprävention
Warum Plastik dennoch zur Standardlösung wurde
Der zunehmende Einsatz von Plastik in hygienischen Anwendungen begann vor allem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Kunststoff war günstig, leicht, stabil und einfach zu transportieren. Gleichzeitig ermöglichte er standardisierte Einwegprodukte, die ohne aufwendige Reinigung sofort einsatzbereit waren.
Diese Vorteile machten Plastik zu einer praktischen Lösung – insbesondere in Bereichen mit hohem Durchsatz wie Medizin, Lebensmittelindustrie und Handel.
Doch mit der Zeit wurde aus dieser praktischen Lösung eine Standardannahme: dass Einwegplastik grundsätzlich hygienischer sei als wiederverwendbare Alternativen. Diese Annahme ist wissenschaftlich nicht pauschal haltbar.
Mehrweg kann ebenso hygienisch sein
Viele medizinische Instrumente bestehen weiterhin aus langlebigen Materialien wie Metall oder Glas und werden nach jeder Nutzung sterilisiert. Diese Praxis ist international etabliert und entspricht höchsten Hygienestandards.
Swissmedic, die Schweizer Zulassungs- und Aufsichtsbehörde für Heilmittel und Medizinprodukte, bestätigt, dass Mehrwegprodukte sicher verwendet werden können, sofern validierte Reinigungs- und Sterilisationsverfahren angewendet werden.
Entscheidend ist also nicht, ob ein Produkt aus Plastik oder aus einem anderen Material besteht – sondern ob die hygienischen Prozesse korrekt umgesetzt werden.
Quelle:
Swissmedic – Aufbereitung von Medizinprodukten
Wo Plastik notwendig ist – und wo nicht
Es gibt Anwendungen, bei denen Plastik klare Vorteile bietet, etwa bei sterilen Verpackungen für empfindliche medizinische Produkte oder bei bestimmten Sicherheitsanforderungen.
Gleichzeitig entsteht ein grosser Teil des Plastikverbrauchs nicht im medizinischen Bereich, sondern im Alltag:
- Einwegverpackungen für Lebensmittel
- Take-away-Behälter
- Verpackungen im Detailhandel
- Kurzlebige Konsumprodukte
Diese Anwendungen sind selten durch Hygienevorschriften zwingend vorgeschrieben. Häufig spielen Bequemlichkeit, Logistik oder Gewohnheit eine grössere Rolle.
Warum diese Unterscheidung wichtig ist
Die Schweiz produziert jährlich rund 670 kg Siedlungsabfall pro Person, wie das Bundesamt für Umwelt (BAFU) berichtet. Kunststoff macht dabei einen bedeutenden Anteil aus, insbesondere bei kurzlebigen Anwendungen.
Zu verstehen, wo Plastik wirklich notwendig ist – und wo nicht – ist ein zentraler Schritt, um unnötigen Verbrauch zu reduzieren, ohne Hygiene oder Sicherheit zu gefährden.
Quelle:
BAFU – Abfallstatistik Schweiz:
Ausblick: Was bedeutet Plastik für unsere Gesundheit?
Wenn Plastik nicht immer notwendig ist, stellt sich eine weitere Frage: Welche Auswirkungen hat seine zunehmende Verbreitung auf Mensch und Umwelt?
Im zweiten Teil dieser Serie betrachten wir den aktuellen Stand der Forschung zu Mikroplastik im menschlichen Körper – und warum dieses Thema zunehmend in den Fokus der Gesundheitswissenschaften rückt.
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